Algorithmik I: Lucy

Wenn man nicht mehr weiter weiß, so muß man zitieren. Also:

"Ästhetik hat es mit der sinnlichen Wahrnehmung der Dinge zu tun, vor allem mit den durch unmittelbaren Sinnesreiz ausgelösten Gefühlen, Bewertungen und Reaktionen, und vor allem mit künstlich gemachten (nicht natürlich gegebenen) Dingen. […] Die ästhetischen Dinge laden oft zum Verweilen, zum Betrachten, zum Nachdenken, zum Genießen ein: zu Handlungen des Geistes, die durch Sinnesreize ausgelöst werden." - F. Nake1)

In diesem Sinne ist Lucy ein Experiment, dessen Fragestellung lautet: Kann ein Objekt, dessen sichtbarer Teil vom Erschaffer völlig unterbestimmt gelassen ist, allein durch seine Struktur und den Betrachter zum ästhetischen werden? Auch wenn beide, Erschaffer wie Betrachter, in Sachen der Ästhetik ziemlich unbedarft sind?

Um es etwas konkreter zu machen: Lucy ist eine Installation, die den Algorithmus der Regentengrafik zur Herstellung einer grafischen Darstellung implementiert. Dies ist die Struktur, die durch uns fest vorgegeben ist. Nun hat jener Algorithmus allerdings die Eigenschaft, nur unter Angabe eines oder mehrerer Positionsparameter überhaupt etwas anderes zu produzieren als ein gänzlich leeres Bild, und diese Parameter werden erst durch die Betrachterin bestimmt, durch ihren Aufenthaltsort vor der Projektionswand. Es sind also nur der Algorithmus als Objekt und sie an dem Bild beteiligt, auch wenn ihre Interpretationshoheit hier ausgesprochen physische Züge annimmt.

Wir gehen damit noch ein kleines Schrittchen weiter als die Pioniere der Informationsästhetik, von denen wir und Lucy inspiriert wurden, um nicht zu sagen: kopiert haben. Während sie gezwungen waren, die struktur- und formgebenden Entscheidungen im Prozeß der Erstellung und somit meist in der Person eines Künstlers zu vereinigen, hatten wir die Möglichkeit, beide Paare zu trennen und den Algorithmus als Objekt in größerer Reinheit herauszukristalisieren.

Es wird sich zeigen, ob wir ihm danach den Stempel "ästhetisch wertvoll" anbringen dürfen; es wird sich zeigen, wie schön das hier sein kann…

1) Frieder Nake: Ästhetik als Informationsverarbeitung, Springer 1974
 
lucy/start.txt · Zuletzt geändert: 2008/04/23 14:18 (Externe Bearbeitung)
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